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12. September 2002

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Welche Zusammenhänge gibt es wirklich, welche nicht?
Hochwasser und Donauausbau

Die Hochwasserkatastrophe 2002 hat uns Allen drastisch vor Augen geführt, wie ohnmächtig der Mensch vor solchen ungestümen und ungebändigten Naturgewalten steht. Infolge der zunehmenden Häufigkeit dieser außergewöhnlichen Naturereignisse (Stürme, sintflutartiger Regen, Hochwasser) drängt sich zwangsläufig die Frage nach den Ursachen und den dafür Verantwortlichen auf. Die Komplexität dieses Themas verbietet jedoch ein vorschnelles Urteil und eine rasche pauschale Verurteilung einzelner Eingriffe des Menschen in die rein natürlichen Abläufe, wie sich auch schnell wirkende Patentrezepte ganz sicherlich nicht anbieten werden.

Aus so manchen Zeitungsberichten ist nun - wie auf Grund Jahre lang gewonnener negativer Erfahrungen nicht anders zu erwarten war - wieder verstärkt von den Gegnern eines sachgerechten Ausbaues der Donau zwischen Straubing und Vilshofen zu hören, dass auch infolge der Hochwasserkatastrophen der letzten Zeit ein Donau-Ausbau mittels Staustufen nicht mehr zu verantworten sei. Damit soll offensichtlich der Bevölkerung suggeriert werden, dass z. B. ein Donau-Ausbau nach der Variante D2 (mit drei sehr niedrigen Fallhöhen) zu einer Verschlechterung der Hochwassersituation an der Donau beitragen würde und dass die bisherigen diesbezüglichen Eingriffe des Menschen an der Donau und ihren Nebenflüssen bereits mit eine der Ursachen für die Hochwasserkatastrophen der letzten Jahre wären. Ich halte eine solche Einschätzung für vollkommen falsch und möchte dies im Folgenden erläutern:

Zunächst verweise ich den geschätzten Leser auf die Fotos der Hochwassermarken auf Seite 2 unten. Die eine befindet sich in Kelheim, angebracht an der Westseite des "Weißen Brauhauses", und die andere in Passau, angebracht am Rathaus nahe der Donau; da sie frei zugänglich sind, können sie von jedermann eingesehen werden. Wie sich aus diesen Tafeln ergibt, gab es bereits in früheren Jahrhunderten katastrophale Hochwasser, also zu einer Zeit, als es noch keine künstlichen Staueinrichtungen und derart ausgeprägte Hochwasserschutzmaßnahmen wie heute an der Donau und deren Nebenflüssen gab. Zudem wiesen diese Flüsse mangels geringerer Besiedelung unmittelbar an ihren Ufern weitaus größere natürlich Überschwemmungsbereiche auf. Es können meines Erachtens also primär nicht die von den Menschen überwiegend im 20. Jahrhundert geschaffenen Stauwehre sein, wenn wir heute von Hochwassern heimgesucht werden, die es in früheren Jahrhunderten (unter Bedingungen, die für die Flüsse günstiger waren) ebenfalls und zum Teil stärker gegeben hatte. Und auch zum Zeitpunkt des Hochwassers 1954 in Passau hatten die Staueinrichtungen an der Donau samt Nebenflüssen noch nicht den heutigen Stand erreicht.

Am Beispiel der Stadt Kelheim kann ich feststellen, dass nach den Verbesserungen der Hochwasserschutzeinrichtungen nach der Überschwemmung des Jahres 1965 und in Folge der Kanalisierungsmaßnahmen im Altmühltal in den Jahren bis Ende 1980 die Bewohner von Stadt und Umland nicht unter den Hochwassern der Jahre 1999 und 2002 zu leiden hatten; dies, obwohl die Donau im Jahre 1999 einen um 76 cm höheren Wasserstand am Pegel Kelheim aufwies. Die im Jahre 1999 erfolgte Überschwemmung der circa 20 km oberhalb von Kelheim liegenden Stadt Neustadt a.d. Donau war auf einen Dammbruch zurückzuführen und hatte die sofortige Verbesserung der Hochwasserdämme zur Folge.

Angesichts dieser Fakten scheidet meines Erachtens der Einbau von Stauwehren als primäre Ursache für Hochwasserereignisse oder gar eine Verschlechterung derselben aus. Was nun den Donau-Ausbau zwischen Straubing und Vilshofen betrifft, kommen die wissenschaftlichen Gutachter zum Ergebnis, dass die staugestützten Varianten D 1 und D 2 völlig hochwasserneutral sind, dass jedoch die von den Ausbaugegnern favorisierte rein flussbauliche Variante A die Hochwassersituation um circa 20 cm verschlechtert. Dies ist nachzulesen im Schlussbericht der WSD Süd auf den Seiten 197 und 198. Nur am Rande möchte ich darauf verweisen, dass sich das Hochwasser auf der deutschen Elbe in einem Bereich abspielt, wo sich keine Stauwehre befinden, sondern der Fluss ausschließlich durch Buhnen (beschränkt) schiffbar gehalten wird. Die erste Elbschleuse befindet sich kurz vor Hamburg.

Ich denke, dass zwei der nachstehend kurz behandelten Punkte erheblichen Einfluss auf das Hochwasserszenario haben.

Zum einen hat der Mensch den Flüssen die erforderlichen Ausbreitungsmöglichkeiten im Hochwasserfall genommen. Das ist aber nicht die Folge oder gar die Voraussetzung für den Bau von Stauwehren, sei es zur Energiegewinnung oder zur Schiffbarmachung. In erster Linie ist dies auf die aus soziologischen Aspekten erfolgten Vorgaben zur Landgewinnung in den früheren Jahrzehnten zurückzuführen. Große und kleinere Flüsse wurden durch Dämme begradigt und in ein Korsett gezwängt, viele kleine und kleinste Gewässer begradigt, ohne Rücksicht auf den dadurch bedingten schnelleren Abfluss in die großen Sammelgewässer wie zum Beispiel die Donau. Immer weiter schoben sich Siedlungsgebiete in die früheren Hochwasserabflussräume der Ströme hinein, wurden und werden große Flächen kontinuierlich versiegelt; auch Letzteres keine Voraussetzung oder Folge von Schiffbarmachung oder Energiegewinnung. Wir haben also den Flüssen nicht nur ihre notwendigen Expansionsmöglichkeiten genommen, sondern auch ihre Abflusskapazitäten durch vermehrten Zufluss in Folge der zunehmenden Flächenversiegelung überfordert.

Wenn es zutrifft, dass durch die extrem vermehrten CO2-Emissionen der Industriegesellschaft die Erderwärmung zugenommen hat und dadurch die Zunahme von Stürmen, Regenfällen und Hochwassern in bisher nicht gekanntem Ausmaß auch bei uns ausgelöst wurde (bis zu 300 Liter Regen in 24 Stunden), dann ist zum anderen ebenfalls jeder von uns mit der Verursacher. Deshalb müsste jeder ökologisch vernünftig und verantwortungsvoll denkende Mensch danach trachten, diese Emissionen zu reduzieren. Nun liegt in der Energiegewinnung aus Wasser und dem Transport von Waren per Schiff ein großer Vorteil gegenüber emissionsträchtigeren Alternativen, wie etwa dem Güterverkehr per LKW. Wenn aber die Verlagerung von Gütern auf das Schiff einen adäquaten Donauausbau voraussetzt, dann kann man sich dem doch aus gesamtökologischer Verantwortung nicht entziehen. (Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die Energiegewinnung im Bereich zwischen Straubing und Vilshofen nicht zur Diskussion steht).

Der Verfasser dieses Beitrages gibt sich keinen Illusionen hin, dass die Fundamentalisten unter den Ausbaugegnern mit sachlichen Argumenten überzeugt werden könnten. Wer sich auf rein ideologische Standpunkte zurückzieht, wie dies bei Teilen der Ausbaugegner geschieht, ist einer sachlichen Auseinandersetzung letztlich nicht zugänglich; denn dann stünde ja für ihn zu befürchten, seine Einschätzung revidieren zu müssen. So verbleibt es für jene bei der Devise: "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf." Ich wende mich mit diesem Beitrag an alle sachlich aufgeschlossenen Leser, die sich an Hand des vorstehend Aufgezeigten ein eigenes Bild von den Ursachen der Hochwasserkatastrophen und auch von den Zusammenhängen zwischen staugestützten Ausbaumaßnahmen und ihren Auswirkungen auf Hochwasser machen möchten.

- von Degenhard Kalmer





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